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23. März 2007 ![]()
Tages-Anzeiger, 23. März 2007
In der bürgerlichen Familie herrscht Aufregung. Die kleinen, leicht schüchternen bis langweiligen Schwestern FDP und CVP sind erneut peinlich berührt, denn der grossgewachsene, kräftige, aber geistig etwas zurückgebliebene Bruder SVP hat im Tessin wieder mal öffentlich mit einer Pump Action einen imaginären Feldhasen umgenietet. Dieser stellte sich dann zwar als ausländisches Kaninchen heraus, was weiter nicht so schlimm wäre, wenn nicht die Wachstumsprognosen des tumben muskulösen Bruders so erschreckend hoch ausfielen.
Gegen dreissig Prozent Stimmenanteil wird für die kommenden Wahlen vorausgesagt, und da fragen sich die bürgerlichen Schwestern: Sollen sie auf unerspriesslichen Konfrontationskurs gehen oder, wie dies die CVP tut, in Sachen Asyl und Ausländer einfach gelegentlich abkupfern?
Grüne und Sozis haben sich während der Klima-Session in Bern gewundert, dass sie die Rechten nicht wirklich für die Klimaerwärmung heiss machen konnten. Dabei ist der Grund klar: CVP und FDP liegt das innenpolitische Klima näher als das Weltklima. Verständlich, denn der tägliche Ausstoss an schädlichen Gasen durch die SVP trägt zu einer bedenklichen Erwärmung des bürgerlichen Wahlkampfs bei.
Wen wundert’s, dass die ratlosen Freisinnigen und Christdemokraten gemäss dem (intern so genannten) Idioto-Protokoll einen Emissionshandel planen. Wenn beispielsweise ein rechter Christdemokrat das Familien- und Frauenbild Ueli Maurers nachplappert (Frau an den Herd, Kinder weder in die Krippe noch zu McDonald’s), dann fördert er damit die Verbreitung fossiler Ideen. Um dies SVP-neutral wieder gutzumachen, muss sich darauf ein Parteilinker dafür einsetzen, dass der Grenzwert an Ausländerparanoia auf keinen Fall unter das Niveau eines Tessiner SVP-Parteisekretär gesenkt wird. Ein derartiger Ablasshandel wird ja der CVP nichts Fremdes sein, und wenn sie ihre bekannte Flexibilität in diesen Fragen beibehält, wird sie als klima- wie standpunktneutrale Hybridpartei ein Zukunftsmodell darstellen.
Es gibt aber auch Stimmen, die überzeugt sind, dass die grössten Dreckschleudern nicht mit Emissionshandel zu bekämpfen sind. Vielleicht hilft ja Verständnis und Zuneigung dem übergewichtigen depperten Bruder, sich wieder in die wohlgesittete bürgerliche Familie zu integrieren. Die Freisinnigen könnten in Erinnerung rufen, dass sie zur Gründerzeit unseres Staates die Kirchen ebenso bekämpft haben wie heute Ulrich Schlüer ein Minarett vor dem Kopf hat. Ebenso wie die einst säkulare FDP sich über Jahrzehnte mit der CVP vertragen hat, könnte sich die SVP mit den Islamisten versöhnen. Dann nämlich, wenn ihr klar wird, dass es bezüglich Stellung der Frau und Angst vor McDonald’s für sie nur einen natürlichen Verbündeten gibt: die Taliban.
Und ganz unvoreingenommen sollten wir der SVP zugestehen, dass sie möglicherweise doch über gute Lösungsansätze für das Weltklima verfügt. Ihre geheimsten Waffen hat sie nämlich noch gar nicht eingesetzt: Die Erderwärmung könnte sofort gestoppt werden, wenn die soziale Kälte der Parteileitung voll in die Tat umgesetzt würde. Denn jeder Gletscher beginnt sofort wieder zu wachsen, sobald man Christoph Mörgeli mit seinem eisigen Lächeln davorstellt.