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23. März 2007

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Homöopathische Komplementärpolitik

Tages-Anzeiger, 21. September 2007

Das Parlament büffelte in den vergangenen Tagen intensiv Komplementär- und Schulmedizin. Der breite Mainstream der Abgeordneten sprach sich in einem Akt ungeheurer Vernunft gegen wissenschaftlich unbewiesene Heilmethoden und für, na ja, kostengünstigere Schulmethoden in der Krankengrundversicherung aus. Dies zur vollen Zufriedenheit von Gesundheitsminister Pascal Couchepin, der vor Tagen noch einen Duce in seiner eigenen kranken Kollegialbehörde ortete. Damit repräsentiert er perfekt unsere Politiker-Avantgarde, deren Vertreter offenbar innert Stunden von hyperventilierenden Geheimplan-Phobikern zu vernunftsbetonten Gesundheitspolitikern mutieren können.

Alles schon wieder vergessen? Da wurde doch gerade eben die brave Lucrezia Meier-Schatz zur gefährlichen Putschistin gegen den Duce aller weissen Schafe gebrandmarkt und dieser, ebenso verklärt von rechts wie links, fuchtelte eine Viertelstunde beidarmig deklamierend in seinem Wohnzimmer herum, was später per Internet als Masturbationsvorlage für Freund und Feind heruntergeholt werden konnte. Die Gegner sahen in diesem Referat über die Gewaltenteilung als Führungsprinzip eine Berlusconisierung der Medienlandschaft (Verteufelung) und die andern die unschuldige Stellungnahme eines Intrigenopfers (Verköppelung).

Bei so viel Voodoo und Sumpfblütentherapie ist es an der Zeit, dass man auch in der politischen Auseinandersetzung endlich zwischen Schul- und Komplementärpolitik unterscheidet, denn diese zunehmend vernunftsferne Kaste gehört einfach nicht mehr in die staatliche Grundversicherung. Komplementär-esoterische Heilmethoden nehmen überhand: Ein kleiner rechter Spiesser im Nationalrat will den islamischen Fundamentalismus mit einem Minarettverbot bekämpfen, weil sich Al-Qaida-Terroristen offenbar vorwiegend in Schweizer Minaretten aufhalten. Die Zürcher Gewerkschaften verweigern der SP-Ständeratskandidatin Chantal Galladé die Unterstützung, weil sie für die Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten eintritt – offenbar schaden geöffnete Läden der Arbeiterschaft. Beide Beispiele beweisen den Vormarsch politischer Homöopathie: eine wissenschaftlich nicht mehr wahrnehmbare Kleinstmenge an Vernunft-Globuli soll politische Schleudertraumata heilen.

Kein Wunder, dass mit dieser nationalen Entzündung der Säure-Basen-Haushalt aus dem Gleichgewicht gerät und selbst die CVP aus ihrem Permafrost auftaut. Von ihrem christlich-vatikanischen Überbau her eigentlich zur Gesundbeterei prädestiniert, zeigt sie eine gewisse Aufmüpfigkeit, während die marginalisierten Freisinnigen unbeachtet in Essigsöckchen in der Ecke stehen und sich voll darauf konzentrieren, den SVP-Präsidenten in den Ständerat zu wählen.

Auch der oberste Hirte aller weissen Schafe wird im Amt bestätigt werden, mit tatkräftiger Hilfe der Freisinnigen, deren Schwindsucht dadurch weiter fortschreiten wird. Spätestens dann werden sie sich vielleicht die Frage stellen, ob gegen diese Krankheit wirklich das mittelalterliche Heilmittel des Aderlasses (nicht grundversichert!) die richtige Therapie war. Aber ob sich ein dummes Kalb sowas noch fragt in dem Moment, wo es der selbstgewählte Metzger als schwarzes Schaf hinauskickt?