Glamour, Macht und grosse Oper
Tages-Anzeiger
2. März 2007 ![]()
Swiss Premium Snow
Tages-Anzeiger
2. Feb. 2007
Wertneutrale Religion
Tages-Anzeiger
19. Jan. 2007
Links-grüne Katastrophen
Tages-Anzeiger
15. Dez. 2006
Die Heimholung des Hausbergs
Tages-Anzeiger
1. Dez. 2006
Integration, Jugend und Porno
Tages-Anzeiger
24. Nov. 2006
Über Ich-bin-da und die Welt
Tages-Anzeiger
3. Nov. 2006
Der Auslandschweizer
Tages-Anzeiger
13. Okt. 2006
Bun di, specie rara!
Tages-Anzeiger
22. Sept. 2006
Tages-Anzeiger, 2. März 2007
Der herrschende Gemütszustand in den beiden Häusern der Zürcher Grosskultur könnte unterschiedlicher nicht sein: im düsteren Schauspielhaus heftiger Direktorenstreit um Kompetenzen und im frivolen Opernhaus lauter Sonne, Samba, Senoritas: Das faszinierte Publikum schaut statt auf die Bühne zur Direktionsloge, wo der Chef, Alexander „10 Prozent“ Pereira, mit dem brasilianischen Ex-Erotikmodel Daniela Weisser öffentlich turtelt.
Dazu schweigt zwar die „NZZ“, das natürliche Leibblatt des Operngängers, obwohl das durchschnittliche Opernlibretto einiges profaner ist als die direktorale Liebesaffäre. Hingegen wird die Pikanterie begeistert kommentiert und bebildert vom „Blick“, dem Leibblatt der kulturinteressierten Unterschicht, und ich wette, dass der Absatz des Boulevardblatts am Züriberg in diesen Tagen alle Bestmarken schlägt. Gar nicht erstaunlich, denn endlich verfügt auch das Zürcher Kulturbürgertum über einen Dieter Bohlen.
Mit dem neusten Flötenzauber zeigt PR-Meister Pereira seinen grauen Berufskollegen, was Glamour und vor allem, was unter „internationaler Ausstrahlung“ des Opernhauses konkret zu verstehen ist. Irgendwie tun einem seine Direktorenkollegen im Schauspielhaus leid. Während das Paar Pereira/Weisser, vom persönlichen Glück überwältigt, öffentlich über Kinderwünsche plaudert, streitet im Schauspielhaus das nicht minder ungleiche Direktorenpaar Hartmann/Baumann über Kinderzulagen.
Zugegeben, die Machtstrukturen der beiden Häuser sind nicht vergleichbar, denn Sonnenkönig Pereira regiert sein Haus und die Sponsorenprozente allein, während die hierarchisch gleichgestellten Hart- und Baumann dem täglichen Zweikampf ausgesetzt sind – ein hochdemokratisches Ko-Präsidium, wie es heute nur noch die allerkorrektesten SP-Sektionen pflegen. Dies hängt wohl mit der Tatsache zusammen, dass die Zürcher SP heute die Schutzpartei der bürgerlichen Theaterkultur ist. Denn die gesalzenen Eintrittspreise kann sich nur noch das gutverdienende SP-Wählersegment leisten.
Weil der von exotischer Erotik inspirierte Pereira-Glamour sowohl Medien wie Sponsoren anzieht, dürfte das Beispiel Opernhaus in der Theaterszene Schule machen. Als Verwaltungsratspräsident des Casinotheaters Winterthur mache ich mir natürlich auch entsprechende Gedanken. Da unser unsubventioniertes Haus aber nicht in der millionenschweren Opernliga mithalten kann, werde ich zusammen mit meinem Ko-VR-Präsidenten und Ko-Kolumnisten Patrick Frey ein günstigeres kasachisches Erotikmodel teilen. Abwechslungsweise werden wird dann während den Theatervorstellungen auf unseren repräsentativen Direktionsklappstühlen mit der exotischen Dame turteln.
Eine solche Massnahme kommt allerdings für die Schauspielhausdirektion zu spät. Selbst eine städtische Prachtsvilla am See schmiert neben dem Pereira-Glamourfaktor kläglich ab. Geturtelt wird bei Hartmann und Baumann nicht mehr. Morgen wird im Schiffbau eine Hamlet-Premiere stattfinden, ein Drama um Macht und Erotik. Die beiden Direktoren werden wohl an einer Stelle besonders aufmerksam hinhören – dort, wo sich Hamlet zum Ko-Direktorium äussert: „Oh wirf die schlechtre Hälfte weg und lebe um so reiner mit der andren!“