Exit Sturmgewehr
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Tages-Anzeiger
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Tages-Anzeiger
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23. Dez. 2004

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«Ich bin total gegen farbige Karikaturen»
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8. Juli 2003

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Exit Sturmgewehr

Tages-Anzeiger, 1. September 2006

Pluto kein Planet mehr, das Weltall nur noch schlappe 3,5 Milliarden Jahre alt und "Black und Blond" nicht mehr auf Sendung - dies alles würde für eine gründliche Verunsicherung der Öffentlichkeit reichen. Aber jetzt noch der finale Schock, ausgelöst durch eine Universitätsstudie: Das heimelige Schweizer Sturmgewehr kann durchaus tödliche Auswirkungen haben, wenn es beispielsweise gegen sich selber, die lärmenden Nachbarskinder oder die Ehefrau angewendet wird! Ebenso ist seit einiger Zeit bekannt (und sicher gibt es da auch entsprechende Studien), dass Hausfrau gerade deswegen ein nicht eben ungefährlicher Beruf ist.

Breite Bevölkerungsschichten hielten bisher das Sturmgewehr für die harmlosere Variante der Militärbisquits, und die Männer gebrauchten es obligatorisch zur Perforierung von Schiesstafeln. Dass es sich um eine Waffe handeln könnte, haben viele geahnt, und dass sich diese Waffe nach dem kalten Krieg nicht mehr automatisch gegen Kommunisten richtet, auch. Aber jetzt soll es plötzlich ein Mordinstrument sein?

Die liberale Waffenpraxis der Schweiz (d.h. Waffenerwerb per Halbtaxabo) wird mit jener der USA verglichen. Leider ist uns aber die USA in mancher Hinsicht voraus, und zwar nicht nur wegen der unterschiedlichen Traditionen von Waffen- bzw. Amokläufen, sondern im Bereich des Konsumentenschutzes. Während in den USA auf jedem Pappbecher vor dem Unheil bringenden Elend eines heissen Cafe Latte gewarnt wird, fehlt auf dem Schweizer Sturmgewehr der entsprechende Hinweis: Schiessen kann Ihr Leben bzw. Ihre Ehe beenden. Vor Nebenwirkungen wie endgültiger Tod oder gar Wiederholung des Obligatorischen wird nirgends gewarnt.

Die Gegner privater Haushaltwaffenlager und das VBS streiten nun darüber, ob und womit sich der moderne Armeeangehörige umbringt, wenn er kein Sturmgewehr mehr im Besenschrank vorfindet. Greift er einfach zum Zapfenzieher im Notvorrat oder denkt er, Scheisse, da bleib ich halt am Leben? Jahre nach dem Ende des west-östlichen Rüstungswettlaufs wird jetzt über die Abrüstung der Schweizer Haushalte debattiert. Auf der einen Seite die Milizehemänner mit ihren modernen Waffen und auf der andern Seite die Hausfrauen mit ihren bauchfreien Tops im hochgetunten Offroader - erneut ein fatales Gleichgewicht des Schreckens.

Die Fronten in dieser Auseinandersetzung beginnen sich erst zu formieren. Es ist anzunehmen, dass sich die Vereinigung Exit eher dem VBS-Lager anschliessen dürfte. Die FDP lässt von Bundesrat Couchepin abklären, inwieweit sich die gängige armeegestützte Suizidpraxis auf die Krankenkassenprämien bzw. AHV-Entwicklung auswirkt. Die SVP schlägt zur Problemlösung den Rücktritt irgendeines parteifremden Bundesrates vor, und armeekritische Teile der SP wollen untersuchen, ob eine Beibehaltung des privaten Sturmgewehrbesitzes à la longue zur Selbstabschaffung der Armee führen könnte. Vermutlich wird aber das VBS die perfekte Lösung im Rahmen seiner Pläne finden, WKs in Finnland durchzuführen. Nach dem Abtreten deponiert der Wehrpflichtige sein Sturmgewehr in der Kasernen-Sauna Helsinki, und Schweizer Haushalte werden wieder sturmfrei.